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Mein Großvater Adam Kistner eröffnete 1933 seine Bäckerei in seinem Neudorfer Haus (heute Aufenauer Straße 38), das er ein Jahr vorher mit viel Eigenleistung für sich, seine Frau Katharina und die Kinder Friedrich (geb. 1920) und Emmi (geb. 1923) erbaut hatte. Dabei war er finanziell an seine Grenzen gegangen. Ich erinnere mich daran, dass er gesagt hat, er habe von seinem letzten Geld einen Wecker gekauft, damit er das Backen nicht verschläft.

Luftaufnahme der Bäckerei Kistner / Henkel (rechts)

Der Eingang zum Laden war gleich rechts vor der Treppe.

Links im Bild das damalige Anglerheim des ACW Westend

Die Bäckerei entwickelte sich gut: Neben den einheimischen Stammkunden kam relativ viel Laufkundschaft. Dazu half die Lage unmittelbar am damaligen Bahnübergang, denn so mancher nutzte die oft lange Wartezeit, um sich schnell ein paar Brötchen oder etwas Gebäck zu holen.

Bäckerei mit Bahnübergang, Bahnwärterhäuschen und Kinzighausen (im Hintergrund)

Außerdem belieferte mein Großvater auch Privatkunden und Lebensmittelläden in den umliegenden Dörfern, zunächst mit Fahrrad und Kiepe, später mit einem Kleinlieferwagen vom Typ Tempo.

Adam Kistner mit Kiepe

Friedrich Kistner vor dem Lieferfahrzeug der Marke Tempo

Die Kunden schätzten neben dem Service besonders das gute Bauernbrot. Adam Kistner beschäftigte mehrere Gesellen, um die Nachfrage bedienen zu können.

Sohn Friedrich lernte bei seinem Vater ebenfalls das Bäckerhandwerk und sollte nach dessen Willen die Bäckerei später einmal übernehmen. Doch dann kam der 2. Weltkrieg und änderte alle Planungen. Friedrich Kistner wurde als Soldat an die Ostfront verlegt. Irgendwann brach die Verbindung über Feldpostbriefe ab; es gab kein Lebenszeichen mehr von ihm. Auch später liefen alle Bemühungen, über den Suchdienst des Roten Kreuzes etwas über Friedrichs Verbleib zu erfahren, ergebnislos. Deshalb mussten meine Großeltern ihren einzigen Sohn letztlich für tot erklären lassen.

Tochter Emmi, meine Mutter, hatte inzwischen Franz Henkel kennengelernt, der aus einer Schäferei in Fulda stammte und selbst das Schäferhandwerk erlernt hatte. Eigentlich wollte das Paar in Fulda sesshaft werden, doch nachdem Friedrich vermisst war, änderten sich die Pläne: Franz Henkel lernte bei meinem Großvater ebenfalls das Bäckerhandwerk und übernahm später die Bäckerei. Meine Eltern Emmi und Franz heirateten 1942.

Bäckerehepaare Katharina und Adam Kistner sowie Emmi und Franz Henkel

Während des Krieges wurde (nicht nur) das Personal knapp, denn die Gesellen wurden zum Kriegsdienst einberufen. Deshalb wurde meinem Großvater ein französischer Zwangsarbeiter zugewiesen: Marcel, der auch in den Erinnerungen von Heinz Rasch erwähnt ist. Marcel half in der Bäckerei und auch auf dem Acker meiner Familie. Gegen die Weisung des Nazi-Regimes wurde Marcel bei meinen Großeltern gut behandelt.

Adam Kistner und Marcel beim Rauchen in Kistners Wohnstube

In den letzten Kriegstagen quartierten sich amerikanische Soldaten für einige Zeit in unserem Haus ein, aber das war eine Episode, die recht schnell vorbeiging.

Nach dem Krieg kam ich zur Welt und blieb das einzige Kind der Familie. Ich wuchs sozusagen in der Bäckerei auf, wo mein Vater in den 1950er Jahren einen neuen Backofen einbauen ließ.

Adam Kistner vor dem neuen Backofen

Auch im Vertrieb gab es Neues: Mein Vater kaufte einen als Verkaufswagen umgestalteten VW-Bus, mit dem er in Neudorf und Umgebung unterwegs war.

Franz Henkel mit Verkaufsbus

Als ich ein Schulkind war, hatte es Deutschland in das Wirtschaftswunder geschafft. Durch die Hochkonjunktur gab es einen Mangel an Arbeitskräften, was auch mein Vater merkte, der inzwischen die Bäckerei übernommen und große Schwierigkeiten bei der Suche nach Arbeitskräften hatte. Wie das in Familienbetrieben häufig ist, mussten daher auch meine Mutter und ich verstärkt mithelfen: Meine Mutter backte die Kuchen, während ich allerlei Hilfstätigkeiten ausüben „durfte“. Während meine Schulkameraden spielten, musste ich Kuchenbleche säubern, im Laden beim Verkauf helfen, Backwaren in unseren VW-Bus laden oder diesen säubern, und vieles mehr.

Eigentlich sollte ich die Bäckerei übernehmen, aber ich hatte – auch aufgrund meiner vielen geleisteten Hilfsarbeiten – kein Interesse am Bäckerhandwerk und begann eine Ausbildung zur Arzthelferin. Das war letztlich der Todesstoß für die Bäckerei. Ohne Nachfolger sah sich mein Vater gezwungen, seine Bäckerei am Heiligabend 1966 zu schließen.

Die Sache mit dem Mehl

Bis weit nach dem 2. Weltkrieg gab es in jedem zweiten oder dritten Haus einen landwirtschaftlichen Betrieb, meist auf Teilzeitbasis. Viele dieser „Fünf-Uhr-Bauern“ bauten auch Brotgetreide an, das dann in einer Mühle (Untermühle in Wächtersbach oder Sulga in Hesseldorf) zu Mehl gemahlen wurde.

Einen großen Teil dieses Mehls nahm unsere Bäckerei ab. Im Tausch (und gegen Zahlung eines Aufpreises für das Backen) erhielten die Lieferanten Brot. Für jeden Lieferanten gab es eine Kladde, in der fein säuberlich die angelieferte Mehl-Menge und die gelieferten Brote zur Verrechnung aufgelistet wurden.

Oft gab es Streit um die Qualität des Mehls. Wurde nämlich das Getreide vor dem Mahlen nicht ausreichend gut getrocknet oder verunreinigt, führte das zu minderwertigem Mehl. Doch aus diesem lässt sich kein Brot guter Qualität backen, weshalb der Bäcker schlechtes Mehl nicht annahm, was bei dem jeweiligen Lieferanten natürlich heftigen Protest auslöste.

Mit dem Bau der neuen Straße nach Aufenau und der Schließung des Bahnübergangs 1973 hätte die Bäckerei ohnehin ihren Standortvorteil an der Hauptstraße nach Aufenau verloren.

Aufgezeichnet von Rolf Dautrich